In ihrem Heimatland Belarus wurde die Black-Metal-Band Dymna Lotva politisch verfolgt und unterdrückt. Die Gruppe flüchtete daraufhin aus der Diktatur und wirkt nun schon einige Jahre aus dem polnischen Exil.
Dort ist die Band mittlerweile aktiver denn je. Längst sind Dymna Lotva in der europäischen Black-Metal-Szene auch keine ganz Unbekannten mehr. Am 7. August erscheint nun ihr neues Album „Vyraj“. Für die Band könnte es den endgültigen Durchbruch bedeuten.

„Vyraj“ enthält acht Lieder mit rund 45 Minuten Gesamtspielzeit. Es wird hauptsächlich in der belarusischen Sprache gesungen, zu einem geringen Teil gibt es auch Texte auf Englisch. Inhaltlich befasst sich das Album mit slawischen Legenden, die dem Himmel und den Sternen eine mystische Bedeutung beimessen. Ein Werbetext des Plattenlabels fasst das Konzept des Albums als „belarusische Ethno-Astronomie“ zusammen. Das passt eigentlich ganz gut.
Musikalisch liegt das Fundament von Dymna Lotva im melodischen, anspruchsvollen Black Metal. Diesen laden die vier Musiker aber mit diversen Eigenheiten auf. Durch die belarusische Sprache und den inhaltlichen Hintergrund ist dabei auch ein folkloristischer Teil vorhanden. Dieser speist sich aber nicht aus Folklore-Instrumenten, denn die spielen bis auf eine Flöte kaum eine Rolle.
Obwohl klar im Black Metal verwurzelt, setzt „Vyraj“ auch nicht immer auf Scream-Gesang. Häufig ist Klargesang vertreten, gerne auch mehrstimmig. Dymna Lotva sind also wahrlich keine Black-Metal-Puristen, sondern stets auch für die Einflüsse anderer Genres offen. Auf „Vyraj“ spielt zum Beispiel auch Doom Metal eine Rolle – doch dazu später mehr.
Fangen wir zunächst einmal ganz vorne an: Dymna Lotva starten ihr neues Album mit „Zory“. Das enorm mitreißende Stück ist wahrscheinlich das stärkste Lied, das die Band jemals veröffentlicht hat. Ein großartiges Black-Metal-Stück mit einem sehr schönen Spannungsaufbau. Sängerin Katsiaryna ist mit einem enorm starken Scream unterwegs, in den sie mehr Stimmfarbe hineinlegt als das andere Gutturalsänger tun. Im Hintergrund begleitet dabei textloser Soprangesang. Zwischen alledem liegt ein surreales „Geklimper“ – ich weiß nicht ob es sich um ein Klavier handelt, ein Glockenspiel oder irgendwelche Samples.
Im hinteren Teil dreht das Stück dann noch einmal völlig. Der Sopran verschwindet mit einem Mal komplett. Die immer noch gewaltigen Screams werden stattdessen nun von einem sehr dunklen, sehr tiefen Klargesang begleitet, der im Gegensatz zum Sopran auch einen Text hat. All das wird mit einem enormen Vortrieb und einer griffigen Melodie dargeboten. Diesen starken Einstieg ins Album vergisst man so schnell nicht.
Nun mag nicht jedes Lied auf „Vyraj“ so begeistern wie „Zory“. Doch jedes Lied auf „Vyraj“ hat seine Eigenheiten. Keine zwei Stücke klingen gleich. Es gibt überall etwas zu entdecken, praktisch jedes Lied hat irgendwo seinen eigenen Charakter.
So besteht „Veha“ zum größten Teil aus ein und demselben Reim. Dieser wird wieder und wieder und wieder dargeboten, teils von mehreren Stimmen übereinander. Es klingt wie eine Art Beschwörungsformel: Sehr eindringlich, fast bedrohlich und irgendwie auch ein Stück surreal. Surreal ist auch wieder das Glockenspiel (?), das stark zur Atmosphäre beiträgt und fast an einen Horrorfilm erinnert.
In „The Boat Of Despair“ kommt dann der Doom Metal, den ich schon angesprochen habe. Die düstere Downtempo-Nummer enthält als Gastbeitrag den sehr tiefen Klargesang von Aaron Stainthorpe (My Dying Bride). Unerwartet ist auch, dass das Stück im Hintergrund mit synthetisch-elektronischen Elementen experimentiert.
Von kompletter Ekstase über slawische Reime bis zum langsamen Doom Metal: So vielfältig das Album angefangen hat, so vielfältig geht es auch weiter. Es gibt immer wieder neue Elemente zu entdecken: Sopran und tolle Riffs in „Niama Darohi“, eine symphonische Note in „Bu Samoje“. Das vergleichsweise ruhige „Usta Za Mianie“ setzt auf Klargesang, der nur ab und zu ins Gutturale springt. Und „Return My Coffin Home“ bringt mit Flöte und Akustikgitarre den Folk-Anteil auch mal stärker klanglich zur Geltung.
Jedes Stück hat etwas Eigenes und bei alledem ist das Album immer sehr atmosphärisch. Da verzeiht man dann auch gerne kleine Längen oder dass im Stück „Bu Samoje“ insgesamt nicht ganz so viel passiert. „Vyraj“ ist eben kein überproduziertes Hochglanz-Album, sondern eines mit Herz und Seele. Dafür steht nicht zuletzt auch Sängerin Katsiaryna, aus deren stimmlicher Leistung eine bemerkenswerte Hingabe spricht.
Fazit
Ein mitreißendes, vielseitiges Black-Metal-Album mit sehr eigenem Charakter.
Punkte: 8.5 / 10
Rezension: Stefan Frühauf, Stefan(at)dark-festivals.de