Tanzwut – Interview

Die Mittelalter-Rock-Band Tanzwut ist immer in Bewegung. So hat sich seit unserem letzten Interview vor anderthalb Jahren wieder einiges getan. Es gibt ein neues Album, neue Bandmitglieder und eine neue Tournee. Über alledem steht als große Konstante Bandgründer Teufel, der Tanzwut seit jeher durch alle Höhen und Tiefen führt.

Vor dem Konzert von Tanzwut am 1. November 2013 in Mannheim bot sich die Gelegenheit, bei Teufel nach dem aktuellen Stand der Dinge zu fragen. Hier lest ihr das Interview.

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Tanzwut

Lieber Teufel…

(lacht) Lieber Teufel, das ist ja mal ein geiler Anfang!

Seit dem letzten Album „Weiße Nächte“ hat sich bei Tanzwut einmal mehr das Besetzungskarussell gedreht. Wirft so etwas die Band auch mal ein Stück zurück, gerade wenn man sich ein neues Album vorgenommen hat, oder ist das bei euch nicht so schlimm, weil das meiste ohnehin von dir ausgeht?

Das wirft uns nicht zurück. Die neuen Mitglieder waren für Tanzwut natürlich nochmal eine wichtige Angelegenheit. Es hat im Nachhinein gesehen die ganze Sache aber nur befruchtet. Ich bin gerne mit Leuten unterwegs, die auch wirklich Lust haben auf das, was wir da tun und das mit Herz, Leib und Seele machen. Wenn man an einen Punkt kommt, an dem man merkt, dass man nicht mehr miteinander kann und nicht mehr miteinander Musik machen will, dann muss man auch auf Wiedersehen sagen. In dem Sinne haben wir auf dem neuen Album auch einen schönen Song, der heißt „Kein Blick zurück“, der das auch mit behandelt. Wir schauen nach vorne, wir schauen in die Zukunft und am neuen Album merkt man auch, dass die Musik von neuem Input befruchtet wurde. Ich denke, dass wir mittlerweile auch vom Bandklima her so weit sind, dass mal Schluss ist mit dem Karussell.

Die größte Überraschung in eurer Besetzung war ja, dass euer Dudelsackspieler Ardor wieder ausgestiegen ist. Mit ihm hattest du Tanzwut schon vor der Trennung von Corvus Corax betrieben. Ihn nach der Trennung von Corvus Corax wieder zu Tanzwut ins Boot zu holen war für dich ein logischer Schritt. In unserem letzten Interview hattest du gesagt, es sei von vorneherein klar gewesen, dass ihr beiden weitermacht. Wie konnte es dazu kommen, dass nun ausgerechnet Ardor wieder ausgestiegen ist?

Da muss man mal kurz berichtigen: Es war so, dass Ardor in der Presse ein bisschen proklamiert hatte, dass er ausgestiegen sei. Er ist aber eher gegangen worden. Das ist ein ganz großer Unterschied. Wir hatten im Laufe der Zeit gemerkt, dass das was wir beide am Anfang zusammen wollten, ab einem gewissen Punkt unterschiedliche Dinge waren. Das ist dann einfach so weit auseinander gegangen, dass das was der Kollege wollte etwas ganz anderes war als das was ich wollte. Somit mussten wir dann getrennte Wege gehen.

Den ganzen Schaffensprozess von „Weiße Nächte“ hattest du beim letzten Mal als absolut reibungslos beschrieben. Hat bei „Höllenfahrt“ auch alles so gut funktioniert?

Bei „Höllenfahrt“ waren wir sozusagen richtig in Fahrt, es ging mit dem Album so richtig los. Wir haben uns auch darauf besonnen, wieder mehr Elektronik einzusetzen und mehr an die alten Tage zu denken. Gleichzeitig wollten wir auch aber etwas fettes machen, etwas neues, das richtig knallt. Im Ergebnis haben wir den Sound der alten Zeit, aber ein bisschen aufgepeppter.

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Höllenfahrt (CD-Rezension)

Hast du ein persönliches Lieblingsstück vom neuen Album?

Ich tue mir mit Lieblinsstücken immer schwer. Das ist auch bei dem Live-Programm so, es fällt mir immer tierisch schwer, alte Stücke rauszuschmeißen und ein neues Programm zu schreiben. Ich habe bestimmt 20 oder 30 verschiedene Programme geschrieben, die ich dann alle weggeschmissen habe. Von den alten Sachen wollte ich mich nicht trennen, von den neuen Sachen wollte ich aber am liebsten die ganze Platte spielen. Jetzt spielen wir heute zehn neue Titel – von zwölf, die auf dem neuen Album sind! Es war schon eine schwierige Sache. Als Lieblingsstück hat man an einem Tag das eine, am anderen Tag dann das andere. Das ist bei neuem Material aber immer so, man muss es erstmal eine Weile spielen. Eine Platte macht man ja, weil man alles geil findet. Ein Titel, den man nicht geil findet, der schafft es erst gar nicht auf die CD.

Mittelalter-Rock ist in den letzten Jahren ja schwer im Kommen. Nach den Platz-1-Chartpositionen von In Extremo haben in diesem Jahr auch Saltatio Mortis zum ersten Mal Platz 1 der Albumcharts erreicht. Mit Tanzwut landet ihr bisher zwar nicht in den Top Ten, fahrt aber durchaus respektable Positionen ein. Denkt man bei der Produktion eines Albums schon daran, ob es kommerziell erfolgreich wird oder nicht?

Da muss ich ehrlich sagen: Das mache ich grundsätzlich nicht. Ich bin auch grundsätzlich im Studio dagegen. Man soll sich auf die Musik konzentrieren und die Texte und so weiter und nicht anfangen über irgendwelche Chartplatzierungen nachzudenken. Andere Bands sind da aber auch in einer anderen Position. Zum Glück bin ich selbst die Plattenfirma. Wir hatten ja mal einen Vertrag bei der EMI. Da kam es dann immer zu solchen Besuchen von so einem A&R-Typ. Der kam dann alle drei Tage ins Studio und hat gesagt „Ich höre die Single nicht“ und unser Bier weggesoffen. Irgendwann haben wir ihn rausgeschmissen und ihm gesagt, dass er ohne neues Bier gar nicht mehr anzutreten braucht. Da ist es jetzt ein Glück, selber die Plattenfirma zu sein…

… mit T. Fell Records.

Genau. In diesem Sinne brauchen wir nicht mehr über so etwas nachzudenken. Das Kommerzielle wird dann irgendwann mit der Promotion in die Hand genommen, aber nicht im Studio. Wir brauchen auch nicht unbedingt eine Chartposition. Das ergibt sich irgendwann oder nicht.

Ihr zieht euer Mittelalter-Rock-Konzept ziemlich geradlinig durch und habt euren typischen Tanzwut-Sound kreiert. Habt ihr manchmal auch einige experimentelle Ideen im Kopf, die ihr dann vielleicht mit Hinblick auf die Erwartungen der Fans nicht umsetzt? So nach dem Motto: Das würde jetzt zu weit von unserem Stil wegführen?

Nein, eigentlich nicht. Wir machen einfach das was wir gut finden. Richtig experimentell sind wir ja auch nicht, das wäre wohl eher in Richtung Jazz oder so (lacht).

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Beim Interview in Mannheim

Ich dachte da zum Beispiel an das Album „Schattenreiter“ von 2006, wo auch Lieder dabei waren, die mal anders geklungen gaben, dann aber unter den Fans doch gemischte Reaktionen hervorgerufen haben.

Das ist immer so ein Problem, das im Prinzip jede Band hat. Macht man etwas neues, etwas anderes, dann regen sich alle auf. Macht man nichts neues und bleibt in seinem Stil, dann sagen alle „das ist ja so wie immer“. Im Prinzip denken wir nicht darüber nach, ob wir experimentell sind oder nicht. Wir haben jetzt eine geile neue Dudelsack-Hymne mit drauf, wir haben Instrumente eingesetzt, die wir vorher nicht eingesetzt haben, eine Solo-Snaredrum, die auch live auf der Bühne gespielt wird. Wir haben auch wieder neue Leucht-Trumscheite, die waren ja eine ganze Weile verschwunden.

Neue Leucht-Trumscheite?

Ja, die anderen sind leider noch im alten Proberaum. Die Schlösser wurden ausgewechselt und ich bin da nie wieder drangekommen (lacht). Die liegen da noch irgendwo rum.

Denkt man so kurz nach der Veröffentlichung eines Albums schon an das nächste? Also zeichnet sich zum Beispiel schon ab, ob das nächste Album wieder eine Rock-CD wird oder doch eher ein reines Mittelalter-Album?

Ich denke wir werden im nächsten Jahr eine Mittelalter-CD rausbringen. Der Plan ist, dass wir das vielleicht immer so ein bisschen abwechseln, also eine Mittelalter-CD, danach dann eine Rock-CD. Wir wollen für uns selber die Abwechslung haben und dem kreativen Kopf ein bisschen Freiraum lassen. Wenn ich jedes Jahr ein Rock-Album rausbringen würde, hätte ich wohl wirklich ein Problem mit der Textschreiberei. Irgendwann ist man mal am Ende seiner Kreativität angelangt. Ich brauche da ein bisschen Freiraum. Eine Mittelalter-CD ist da gut, um wieder ein bisschen Schwung zu bekommen. Wir haben jetzt im nächsten Jahr auch eine Menge Mittelalterfeste und Mittelaltermärkte, wo wir dann das Mittelalter-Programm ohne Rock-Gitarren spielen. Das wird dann auch der Anlass sein, wieder ein neues Album herauszubringen.

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„Wir machen einfach was wir gut finden.“

Nächstes Jahr wird eure Live-DVD zehn Jahre alt. Wäre so etwas vielleicht auch mal wieder was?

Wenn das Wechselkarussell endlich stillsteht und man eine Weile auf der Bühne steht und weiß, dass die Band sich gefestigt hat, dann kann man auch wieder eine DVD machen. Es gibt ja nichts Ärgerlicheres als wenn man eine DVD macht und danach gleich wieder irgendwelche Wechsel in der Band sind. Dann sind alle aufgenommen, die DVD kostet eine Menge Geld…

… und bis sie überhaupt erscheint ist die Besetzung schon nicht mehr aktuell?

Genau, deshalb warte ich auch erstmal noch eine Weile bis wieder etwas in der Richtung gemacht wird.

Im letzten Jahr bist du zusammen mit Michael Rhein von In Extremo als Pullarius Furcillo in Berlin aufgetreten. So hieß euer Spielmannsduo, mit dem 20 Jahre vorher alles begonnen hatte. In den Jahren davor galten Michael und du aber nicht gerade als die größten Busenfreunde. Wie kam es, dass ihr trotzdem wieder zusammen aufgetreten seid?

Das Ding ist ja, wir hatten damals als wir uns getrennt hatten einen kleinen Zwist. Es ging so ein bisschen hin und her: Wer hat den Mittelalter-Rock erfunden, wer hat ihn nicht erfunden? Wir als Tanzwut hatten dann ein schönes Liedchen geschrieben, „Exkremento“, da ging es dann richtig ab. Als das dann aber herauskam, wurde das in der Presse mehr aufgepusht als dass wir selber damit ein Problem hatten. Micha hat zu der Zeit als „Exkremento“ erschienen ist, schon darüber abgelacht. Er kann über sich selber und viele Sachen lachen und ist kein verbitterter, ernster Typ. Es ist auch so, dass wir in den ganzen Jahren auch immer Kontakt miteinander hatten, telefoniert haben, uns von Zeit zu Zeit getroffen haben, gesoffen haben (lacht). Das mit dem gemeinsamen Auftritt war dann eine so genannte Schnapsidee. Wir haben etwas getrunken und gesagt: Lass uns das doch mal wieder machen. Daher kommt das ja mit der Schnapsidee. Dann haben wir es einfach gemacht und uns nach 20 Jahren wieder auf die Bühne gestellt. Es war ein lustiger Abend, die kleine Galerie war in kürzester Zeit ausverkauft. Wir hatten keine Werbung gemacht, es hatte sich einfach so herumgesprochen. Das war sehr schön. Vor zwei Wochen hat Micha mich auch wieder angerufen, vielleicht spielen wir bald wieder in einer Mittelalterkneipe zusammen – ganz wie früher, zwischen den Tischen mit Dudelsack und Trommel.

Dann kommen wir auch schon zum Schluss für heute: Möchtest du unseren Lesern noch etwas sagen oder deinen Fans?

Immer schön sündigen kann ich als Teufel nur sagen (lacht). Alle meine Sünder, kommt vorbei wenn wir spielen!

 

Interview: Stefan Frühauf, Stefan(at)dark-festivals.de

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