Dornenreich – Interview

Die österreichische Gruppe Dornenreich steht für vielschichtigen, anspruchsvollen Dark/Black Metal und zählt zu den bedeutendsten Wegbereitern dieser Ausprägung des Genres. Nach einem Akustik- und mehreren Metal-Alben haben Dornenreich Anfang Mai nun ihr erstes semi-akustisches Album „Freiheit“ vorgestellt.

Ihr Konzert am 6. Mai in Frankfurt am Main nutzte ich zu einem Interview mit Jochen Stock, Triebfeder und kreativer Kern von Dornenreich. Hierbei sprach der Musiker unter anderem über das neue Album, die in Zukunft geringere Live-Präsenz von Dornenreich und Lieder, die wohl niemals live gespielt werden.

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Jochen Stock

Hallo Jochen,

vor wenigen Tagen ist euer neues Album „Freiheit“ erschienen. Es ist ein semi-akustisches Album mit sowohl rein akustischen als auch elektrisch verstärkten Liedern. Siehst du das Album als Weiterentwicklung des rein akustischen „In Luft geritzt“ von 2008 oder markiert es für dich eine komplett neue Seite von Dornenreich?

Bei „Freiheit“ finden sich wahnsinnig viele Aspekte unserer Band zusammen, sowohl musikalisch als auch inhaltlich. Trotzdem war es mir in musikalischer Hinsicht schon immer wichtig, dass man auch auf akustische Elemente als tragenden Part setzt. Von daher war „In Luft geritzt“ in musikalischer Hinsicht schon der erste Schritt zu „Freiheit“ hin. Durch die Erfahrungswerte, die wir mit „In Luft geritzt“ gewonnen haben, haben wir die akustischen Elemente auf „Freiheit“ noch viel konsequenter verfolgen können.

Wir haben bereits im Jahr 2011 ein Interviewgespräch miteinander geführt, auch hier in Frankfurt. Damals hattest du sogar noch für möglich gehalten, dass „Freiheit“ wie auch „In Luft geritzt“ vollständig akustisch wird. Wie und wann kam die Entscheidung, dass auch elektrisch verstärkte Instrumente auf „Freiheit“ zum Einsatz kommen?

Das stimmt, es war damals anders angedacht. Wir halten uns den kreativen Prozess aber immer offen, nicht zuletzt im Studio. Auch diesmal haben wir wirklich viele Sachen im Studio noch verändert. Zum Beispiel bei dem vierten und fünften Stück des Albums war aber schon vor dem Studio klar, dass sie mit E-Gitarre und Schlagzeug instrumentiert sein würden. Das hat sich relativ schnell ergeben als wir uns überlegt hatten, wo überhaupt das Schlagzeug eingesetzt werden soll. Da war es dann relativ schnell klar, dass wir hier auch auf E-Gitarren zurückgreifen würden.

Bei unserem damaligen Gespräch hattest du „Freiheit“ schon für 2013 eingeplant. Was hat dazu geführt, dass es ein Jahr länger gedauert hat?

Wir haben uns bewusst Zeit gelassen, weil ja jeder auch sein eigenes Leben zu führen hat. Neben der Band hat es da gewisse Sachen gegeben, die uns eingefordert haben, Arbeit oder Veränderungen im Privatleben. Wir wollten uns bewusst auch lange Zeit lassen, weil uns auch schon länger klar war, dass das Album das letzte für längere Zeit sein würde. Deswegen wollten wir es so vielschichtig wie möglich machen und es einfach auf uns zukommen lassen. Das war uns wichtiger als eine gewisse Schnelligkeit.

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Freiheit (CD-Rezension)

Ihr seid mit eurem neuen Album gerade auf Tournee. Spielt ihr wieder ein Metal- und ein Akustik-Set wie bei der letzten Tour?

Ja, allerdings ein bisschen anders gewichtet. Das Akustik-Set am Anfang ist recht knapp. Es hat nur vier Stücke und ist quasi ein Appetizer für die akustischen Kirchenkonzerte, die wir nächstes Jahr wieder geben werden.

Neben rein akustischen Liedern gibt es auf „Freiheit“ auch hybride Stücke, die zwar ein akustisches Fundament haben, aber eben auch elektrisch verstärkte Elemente – zum Beispiel „Aus Mut gewirkt“ und „Traumestraum“. Diese Lieder haben Akustikgitarre und E-Gitarre. Setzt ihr die live als reine Metal-Version ohne die Akustikgitarre um oder wie darf man sich das vorstellen?

Ja, genau so! Ich finde es persönlich ja immer spannend wenn man merkt, dass eine Band mit den Stücken arbeitet. Auch „Jagd“ zum Beispiel haben wir früher schon in einer Metal-Version gespielt und tun das auch heute wieder. Über die Jahre hat es sich aber auch wieder verändert, zum Beispiel die Lage der Geige. Inve spielt nun eine fünfsaitige Geige. Das hört man auch auf der „Freiheit“ sehr stark. Da gibt es manche intime Stellen, an denen die Geige fast schon celloartig klingt. Das hat uns von der Klanglichkeit her wahnsinnig viel gebracht. Aber zurück zu den teil-akustischen Stücken: Diese Stücke, die im Studio E-Gitarre und Akustikgitarre haben, setzen wir live nur mit der E-Gitarre um. Wir haben dann live cleane Sounds der E-Gitarre und auch verzerrte. Es ist dann quasi eine andere, rockigere Variante beziehungsweise Interpretation der Stücke. Ich finde es immer spannend wenn sich die Versionen unterscheiden. Das ist auch bei vielen Künstlern so, die ich selbst bewundere. Zum Beispiel bei der Tori Amos (US-amerikanische Pianistin und Sängerin, Anm. d. Red.), da klingt jedes Konzert irgendwie anders.

Spielt ihr die Stücke dann irgendwann im Rahmen von reinen Akustikkonzerten auch akustisch oder wandern diese Stücke ausschließlich ins Metal-Repertoire?

Ein Lied wie „Traumestraum“ werden wir, zum Beispiel in den Kirchen, auch rein akustisch spielen. Das sind dann immer so gewisse Adaptierungen für die jeweilige Situation. Das zeigt, dass es sehr auf die Musik an sich ankommt und nicht so sehr auf die Instrumentierung. Ich persönlich finde das sehr schön.

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„Einige Lieder werden wir wahrscheinlich nie spielen.“

Bei eurem letzten Album „Flammentriebe“ von 2011 habt ihr das Stück „Erst deine Träne löscht den Brand“ zunächst gar nicht live gespielt, weil ihr in der Live-Umsetzung eine große Herausforderung gesehen habt. Gibt es bei „Freiheit“ auch ein Lied, an das ihr euch live erstmal nicht herantraut?

Ja, sogar einige, drei sind es. „Im Fluss die Flammen“ werden wir wahrscheinlich nie spielen, „Blume der Stille“ wahrscheinlich auch nicht. Das dritte ist „Das Licht vertraut der Nacht“. Das wäre zwar schon interessant für die Live-Umsetzung, nur ist es vor allem von der Stimme her so extrem, dass das zumindest im Rahmen einer Tour einfach nicht jeden Tag umsetzbar ist. Die anderen beiden Stücke sind eben sehr, sehr, sehr vielschichtig und dementsprechend zu dritt schwer umzusetzen. Vielleicht spielen wir sie mal wenn wir sie irgendwann vollständig überarbeiten, aber das haben wir vorerst mal komplett ausgespart. Wir spielen heute vier Stücke vom neuen Album. Das ist schon relativ viel, denn wir sind ja eine Band mit einem großen Back-Katalog. Da könnten wir in die Setliste eingebunden ohnehin nicht viel mehr spielen als vier neue Stücke.

Du hast es schon kurz angesprochen: Ihr habt zum Entsetzen der Fans angekündigt, dass „Freiheit“ euer letztes Album für eine lange Zeit war. Habt ihr mit Dornenreich nach rund 20 Jahren alle Geschichten zu Ende erzählt?

Eigentlich natürlich nicht. „Freiheit“ ist schon ein Album, auf das ich in vielerlei Hinsicht sehr stolz bin und das wahnsinnig viel zu bieten hat. Daher fordert es irgendwo selbst ein, dass es auch einen längeren Platz für sich beanspruchen und erst einmal so für sich stehen kann. Es war nach der „Her von welken Nächten“ ähnlich, da haben wir auch vier Jahre Pause gemacht. Wobei Pause eigentlich nicht richtig ist, aber wenn man sich die reinen Veröffentlichungsdaten ansieht, dann war es eine Pause. So etwas ist auch ein Schritt auf die Essenz der Band zu. Wir wollen Dornenreich für uns lebendig und gut halten und eben nicht kaputt touren oder halbseiden machen. Gerade die letzten Jahre waren für uns schon sehr intensiv. Seit 2006 haben wir sehr viele Veröffentlichungen gehabt und viel live gespielt. Deswegen ist es jetzt mal an der Zeit sich wieder neu auszurichten, sich zu erneuern, sich künstlerisch auch neue Horizonte zu erschließen und vielleicht auch neue Instrumente zu integrieren bzw. auszuprobieren. Es ist eigentlich ein Zeichen dafür, dass uns Dornenreich sehr, sehr viel bedeutet. Wir meinen es mit Dornenreich ernst und wollen es bloß nicht verwässern. Du weißt glaube ich, worauf ich hinaus will.

Wie wird sich diese Entscheidung auf eure Live-Präsenz auswirken? Du hast bereits gesagt, dass es wieder Kirchenkonzerte geben wird. Wird es aber überhaupt noch zusammenhängende Tourneen beziehungsweise Metal-Tourneen im eigentlichen Sinne geben?

Ja, ich schließe es zumindest nicht aus. Ich finde es immer sehr seltsam, dass heutzutage eine neue Veröffentlichung einer Band quasi die alleinige Erlaubnis erteilt, wieder live zu spielen. Das ist schon dekadent und im Grunde idiotisch. Wir werden also sicher wieder live spielen, auch ohne neue Veröffentlichungen. Tourneen sind natürlich ein eigenes Kapitel. Wahrscheinlich werden wir uns zumindest zu unserem 20jährigen Jubiläum 2016 etwas Spezielles überlegen. Mehrheitlich werden wir aber Einzelkonzerte spielen und längere Tourneen vorerst nicht. Ausgeschlossen ist aber nichts.

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„Dornenreich bedeutet uns sehr, sehr viel.“

Das geht dann von der Live-Präsenz her schon ein bisschen in Richtung Empyrium, die ein, zwei Shows im Jahr machen.

Ein bisschen mehr wird es bei uns schon sein. Ich glaube und hoffe aber, dass es auch bei Empyrium mehr werden wird. Aber ja, es geht schon ein bisschen in diese Richtung.

Wenn ihr euch live etwas rarer macht als jetzt, ist es für euch dann auch eine Option als Ensemble aufzutreten anstatt als Trio?

Das glaube ich eigentlich nicht, obwohl die Möglichkeit sicher gegeben wäre. Ich glaube es aber wirklich nicht. Ein Ensemble wird es also eher nicht geben, aber vielleicht werden wir noch mal mit den Empyrium-Leuten Thomas Helm und Markus Stock spielen, was wir damals für unsere DVD gemacht hatten…

… „Nachtreisen“.

Genau. Wir lassen es aber erst mal alles ganz offen. Das ist auch ganz im Sinne und Geiste von „Freiheit“.

Dann kommen wir auch schon zum Schluss und die letzten Absätze möchte ich dir überlassen. Möchtest du deinen Fans oder allgemein noch irgendetwas sagen?

Ja, ich möchte mich bei unserer Basis für die Unterstützung bedanken. Viele unserer Weggefährten sind praktisch mit uns aufgewachsen und begleiten uns schon eine lange Zeit. Ich habe gerade in den letzten Tagen gemerkt, dass immer wieder Leute zu den Konzerten kommen, die schon vor über zehn Jahren kamen. Auch Pärchen sind dabei, die durch Dornenreich zusammen gefunden haben und dann immer noch zusammen wiederkommen, das ist schön. Es ist einfach etwas ganz Besonderes, Schönes und Essenzielles für eine Band wie uns. Wir sind von der Wahrnehmung her immer noch eine Underground-Band geblieben. Da ist es umso wichtiger, dass es eine ganz loyale Basis an Fans gibt. Dafür vielen, vielen Dank.

Vielen herzlichen Dank für das Interview!

Dir auch danke.

 

Interview: Stefan Frühauf, Stefan(at)dark-festivals.de