Xandria – Interview

Auf ihrer aktuellen Tournee zum neuen Album „Sacrificium“ bot sich mir in Heidelberg eine Gelegenheit zum Interview mit der deutschen Symphonic-Metal-Band Xandria. Den Fragen stellten sich Gitarrist und Gründer Marco Heubaum sowie die 2013 neu eingestiegenen Bandmitglieder Dianne van Giersbergen (Gesang) und Steven Wussow (Bass).

In diesem Interview erfahrt ihr unter anderem wie Gründer Marco zu den alten Stücken von Xandria steht, wie Steven den Bass beinahe an den Nagel gehangen hätte, was die Parallelen von Diannes Studium der klassischen Musik und ihrem Engagement bei Xandria sind und wie lange die neue Sängerin der Band erhalten bleiben möchte.

Da Dianne aus den Niederlanden stammt, wurde das Interview auf Englisch geführt. Im Folgenden lest ihr die deutsche Übersetzung.

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Xandria

Neue Sängerin, neues Album, neue Tournee: Bei Xandria ist viel geschehen in den letzten Wochen und Monaten. Wie geht es euch mit den Veränderungen der letzten Zeit?

Marco: Manchmal weiß ich das selber nicht. Wir gehen einfach Schritt für Schritt vorwärts und versuchen, für uns das Beste aus jeder Situation zu machen. Mehr kann ich dazu glaube ich nicht sagen (lacht).

Anfang Mai ist euer neues Album „Sacrificium“ erschienen, das erste Album mit eurer neuen Sängerin Dianne. Wie schon beim 2012er-Album „Neverworld’s End“ mit Sängerin Manuela ist auffällig, dass sich der Stil der Band nur im Detail verändert hat, im Großen und Ganzen aber konstant geblieben ist. Trotz zwei neuer Sängerinnen bei den zwei letzten Alben klingt eure Musik ähnlich wie zu Zeiten eurer ersten Sängerin Lisa. Spricht das für einen nur geringen Einfluss, den die Position der Sängerin bei Xandria auf die Musik der Band hat?

Steven: Auch wenn die Sängerin eine andere ist, bleibt der Songwriter ja der gleiche. Wir haben mit Dianne zwar eine neue Sängerin, die auch neuen Schwung in die Musik mit einbringt, aber der einzige Komponist bleibt weiterhin Marco. Wir waren sehr zufrieden mit dem Sound von „Neverworld’s End“ und wollten diesen Weg einfach weitergehen. Wie du schon gesagt hast verändert sich die Musik deshalb nur im Detail. Wir wollten die eingeschlagene Richtung beibehalten und im Detail verbessern, also die epischen Lieder noch epischer und die bombastischen noch bombastischer machen. Das haben wir auch getan. Ich als Bassist bin ja ebenfalls neu in der Band, für mich war „Sacrificium“ das erste Album, das ich mit Xandria aufgenommen habe. Dianne und ich hatten deshalb keinen großen Einfluss auf das Songwriting. Aber vielleicht wird sich das in den nächsten Jahren ja mal ändern.

Würdet ihr beiden Neuzugänge denn gerne einen größeren Einfluss auf das Songwriting haben?

Dianne: Mehr Einfluss auf das eigentliche Songwriting nicht unbedingt. Marco ist ja der Hauptsongwriter und schafft damit die Basis. Ich glaube nicht, dass das irgendjemand von uns ändern sollte. Ich mag diese Basis sehr. Aber natürlich haben wir fünf Persönlichkeiten in der Band, die irgendwo auch ihre Spuren in der Musik hinterlassen. Seit Steven und ich in der Band sind haben wir also ein bisschen etwas verändert, da wir uns von den vorherigen Musikern unterscheiden. Aber es ist auf keinen Fall so, dass ich auf dem nächsten Album nun unbedingt dieses oder jenes haben möchte.

Steven: Insgesamt verändern wir also nichts, was ja seit jeher gut läuft – und mit Marco als Songwriter funktioniert es auf jeden Fall wunderbar.

Dianne: Bei mir ist es auch so, dass ich klassische Musik studiert habe. Es gibt also zum Beispiel Stücke von Verdi, Schubert oder wem auch immer und ich habe dann die Ehre, diese Stücke zu singen. Die Stücke sind da und ich komme dann dazu.

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Beim Interview in Heidelberg

Du bist also von deinem klassischen Hintergrund her sowieso darauf eingestellt, das zu interpretieren was bereits vorhanden ist?

Dianne: Ganz genau!

Marco: Natürlich kann es trotzdem Einflüsse der neuen Bandmitglieder geben. Es gibt Einflüsse von jedem Bandmitglied, auch wenn ich der Hauptsongwriter bin. Die anderen geben mir Feedback. Wenn ich Lieder schreibe, spiele ich sie ihnen vor und nehme Demos auf, um die Rohidee des Songs herüberzubringen. Was dann an Rückmeldungen von den anderen kommt beeinflusst natürlich, wie ich das Stück fertig stelle. Das ist schon ein deutlicher Unterschied als wenn ich die Stücke nur für mich allein, ganz ohne Band schreiben würde. Für mich sind die Einflüsse der anderen wichtig, denn manchmal bleibe ich auch stecken brauche deren Input. Wir alle wissen auch, was die Vision von Xandria ist. Deshalb wird es auch gar keine Diskussionen geben, irgendetwas fundamental zu ändern, denn wir alle sind auf demselben Kurs. Der Einfluss der anderen verbessert also anstatt zu verändern.

Was sind eure persönlichen Lieblingsstücke auf „Sacrificium“?

Dianne: Das ist immer schwer zu sagen. Es ist wie wenn du eine Mutter fragst, welches ihrer Kinder ihr liebstes ist.

Ganz so schlimm ja hoffentlich nicht.

Dianne: Naja, ich mag eigentlich alle Stücke des Albums. Allein vom Gesang her ist für mich „The Undiscovered Land“ besonders gut zu singen. Von der Gesangstechnik her ist der einfach am leichtesten. Das heißt nicht, dass ich in dem Lied nicht arbeite, aber es ist gesanglich das natürlichste.

Marco: Für mich hängt das Lieblingslied von der Stimmung ab, genau wie für jeden Fan. Wenn man energiegeladen ist oder Ärger hatte, zum Beispiel gerade von der Arbeit nach Hause gekommen ist und von seinem Chef angemotzt wurde, dann muss man Lieder auflegen wie…

Dianne: … „Betrayer“!

Marco: „Betrayer“, genau. Und wenn man mehr in der Stimmung ist, in eine Fantasiewelt abtauchen zu wollen, dann hört man eben andere Stücke. Oder man schaut einer Herr der Ringe-DVD. „The Undiscovered Land“ ist für so eine Stimmung ein sehr gutes Lied. Für mich hat das Stück die gleiche Atmosphäre wie Fantasy-Filme, deshalb ist es auch eines meiner Lieblingslieder des Albums.

Steven: Für mich ist es „Dreamkeeper“. Die anderen lachen jetzt weil ich schon beim ersten Mal, als ich das Demo hörte, gesagt habe: Das ist mein Song! Das ist der Hit des Albums! Ich war so aufgewühlt und so glücklich damit, vor allem auch wegen dem Text und der Geschichte dahinter. Xandria ist für mich sozusagen zum „Dreamkeeper“ geworden. Ich mache schon seit über 20 Jahren Musik und bevor ich zu Xandria gestoßen bin, hatte ich daran gedacht, aufzuhören. Ich dachte, es wäre nun vielleicht an der Zeit für etwas anderes. 20 Jahre lang habe ich Musik gemacht, die niemand hören wollte. Dann bin ich aber zu Xandria gekommen. Xandria hat meine musikalische Geschichte gerettet, hat meinen musikalischen Traum gerettet.

(Dianne stimmt kurz den Refrain von Xandrias „Save My Life“ an.)

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Sacrificium (CD-Rezension)

Wenn ein neues Album fertig ist steht jede Band vor der Frage, welche der neuen Lieder live gespielt werden und welche – zumindest vorerst – nicht ins Live-Repertoire einfließen. Ist das bei euch etwas, das relativ schnell feststeht oder bedarf es da längerer Diskussionen?

Marco: Es gab einige Lieder, bei denen sofort klar war, dass wir sie spielen würden.

Dianne: Wie „Nightfall“.

Marco: Genau, da war es jedem klar. Zu dem Lied haben wir auch ein Musikvideo gedreht und es ist einfach sehr eingängig. Es ist ein wirklich guter Live-Track. Bei anderen Stücken gab es dagegen schon Diskussionen. Es ist schwer, denn wenn man ein bestimmtes Lied spielt, kann man dafür ein anderes nicht spielen. Man hat eben nur ein Set von 90 Minuten und spielt auch noch einige ältere Stücke. Wir sind aber sehr gespannt darauf, andere Stücke des neuen Albums irgendwann später auch noch zu spielen, vielleicht bei einer Tournee im nächsten Jahr. Es gibt definitiv noch Stücke, die wir auf dieser Tournee nicht spielen, auf jeden Fall aber noch live umsetzen möchten.

Steven: Manche Stücke sind auch erst während der Proben in das Live-Set gekommen. Da haben wir einige Lieder einfach mal ausprobiert. Bei anderen, die wir eigentlich auf jeden Fall live spielen wollten, hat es dann weniger gut funktioniert und so hat sich das Set wieder geändert. „Come With Me“ ist zum Beispiel erst in letzter Sekunde in das Live-Set gekommen.

Es ist schwierig, die Popularität eurer Band zu messen. Vor zehn Jahren hattet ihr große Verkaufserfolge und eure Videos waren bei den damals noch existenten Musiksendern präsent. Zwischendurch war ein paar Jahre lang Ruhe, jetzt hat euer neues Album „Sacrificium“ aber die beste Chart-Position eurer Bandgeschichte eingefahren. Sehr ihr euch heute wieder bei dem Status eurer Erfolgsphase vor zehn Jahren angelangt?

Marco: Naja weißt du, wir haben nie Stadien gefüllt (lacht). Wir haben immer Club-Tourneen gemacht und uns nie als große Rockstars gefühlt. Deshalb spüren wir auch nicht wirklich große Veränderungen. Wir hatten einen sehr guten Start und haben nun mit den zwei neuen Alben eine gute Zukunft, vor allem mit „Sacrificium“. Im Moment kommen sogar etwas mehr Leute zu unseren Konzerten als zu Zeiten des „Ravenheart“-Albums. Das ist ein gutes Zeichen für uns.

Dianne: Ich als Neuzugang habe die letzten zehn Jahre ja nicht mitbekommen. Erst durch „Neverworld’s End“ ist die Band überhaupt in mein Blickfeld gerückt. Vorher hatte ich von Xandria noch nie gehört. Mit „Neverworld’s End“ waren sie für mich dann auf einmal da.

Marco: Wir haben mit diesem neuen Bandkapitel viele neue Fans hinzugewonnen. „Neverworld’s End“ fühlt sich für uns so an wie ein zweites Debüt-Album. Wir fühlen uns ein wenig wie eine neue Band. Alte Lieder zu spielen fühlt sich für mich manchmal so an wie eine Cover-Version zu spielen. Vielleicht nicht ganz so schlimm, aber ein bisschen seltsam ist es schon. Die Lieder sind einfach vor so einer langen Zeit entstanden. Mit den Fans ist es so ähnlich. Als wir neu angefangen haben, haben wir auch viele neue Fans bekommen. Für viele davon war „Neverworld’s End“ ihr erstes Xandria-Album und „Sacrificium“ ist nun das zweite.

Stichwort Besetzung: Dianne, wie bist du überhaupt zur Band gestoßen? Wie wird man Sängerin von Xandria?

Dianne: Nun, die Band war gerade im Tonstudio, dem Sandlane Studio beim Produzenten Joost van den Broek. Das ist in Tilburg in den Niederlanden, also ganz in meiner Nähe. Joost kannte mich und wusste von meinem Studium der klassischen Musik und der Verbindung mit Metal in meiner anderen Band Ex Libris. Im Studio zeichnete sich dann bei Xandria ab, dass Manuela die Band verlassen würde. Xandria brauchten also eine neue Sängerin. Joost hat mich dann Xandria vorgestellt und nun bin ich hier!

In den letzten Jahren wurde die Position der Sängerin mehrfach neu vergeben und das selten über einen längeren Zeitraum hinweg. Siehst du Xandria für dich als längerfristige Perspektive oder…

Dianne (sofort): Ja!

(alles lacht)

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Dianne van Giersbergen

Eine klare Antwort.

Dianne: Ja, das hat wohl mit meiner Persönlichkeit zu tun. Ich bin einem Projekt immer stark verbunden und binde mich auch an die Menschen. Für mich ist die Band wie eine Familie und die werde ich nicht verlassen.

Lasst uns einen kleinen Blick in die Zukunft wagen: Wo seht ihr euch und Xandria in fünf Jahren?

Marco: Ich plane nie mehr als ein Jahr im Voraus. Natürlich habe ich meine Träume und Wünsche, aber die meisten davon behalte ich für mich. Wenn man sie zu vielen Leuten erzählt, werden sie einfach nicht wahr (lacht). Manchmal ist das wirklich so. Ich habe gelernt, nicht zu viel zu erwarten. Ich tue einfach immer den nächsten Schritt und mache meine Sache so gut ich kann. Dann hat man vielleicht auch die Chance, einen Traum zu verwirklichen.

Steven: Bei mir ist es auch so. Ich habe mein Leben lang kleine Schritte nach oben gemacht, wie bei einer Evolution. Bei Xandria ist das genauso. Wir sind jetzt auf der ersten Headliner-Tour seit… (schaut Marco an)

Marco: … 2008.

Steven: Wir wussten nicht unbedingt, was uns erwartet. Jetzt sehen wir viele Leute zu den Shows kommen. Das Publikum ist großartig und wir sind so glücklich, dass die Tour so gut läuft. Vielleicht werden es auf der nächsten „Sacrificium“-Tour im kommenden Jahr noch mehr Leute sein oder wir werden in anderen Ländern spielen. Das ist auch so ein bisschen wie eine natürliche Evolution. Danach gibt es wieder ein neues Album, wieder eine neue Tournee. All das wächst einfach auf natürliche Art und Weise und das ist auch mein Wunsch für die Band.

Wird es vielleicht auch mal eine Live-DVD von Xandria geben?

Dianne: Das wäre toll, aber wir haben noch nichts Konkretes geplant. Natürlich haben wir darüber geredet, einen festen Ort oder einen festen Zeitpunkt gibt es aber noch nicht.

Marco: Man muss eine gute Gelegenheit finden – eine schöne Location oder ein gutes Festival. Am besten nachts, damit die Lichteffekte gut herüberkommen. So eine gute Gelegenheit zu finden ist für eine Band wie uns aber ganz schön schwer.

Steven: Man muss auch die Zeit haben und die haben wir im Moment absolut nicht (lacht). Ein Spezial-Produkt wie eine Live-DVD kann also gut und gerne noch bis nach dem nächsten Album dauern.

Die letzte Frage für heute: Gibt es etwas, was ihr den Lesern oder euren Fans noch sagen möchtet?

Dianne: Ich möchte den Fans danken für ihre Unterstützung und ihr Vertrauen, ich fühle mich als neue Sängerin der Band wirklich willkommen. Daher liebe ich es auch, mit dieser Band aufzutreten und hoffe, dass sich viele Menschen unsere Show ansehen.

Steven: Wir wissen die Unterstützung der Fans wirklich zu schätzen. Das gilt gerade bei Erscheinen eines neuen Albums. Wir finden „Sacrificium“ super, aber man weiß nie was die Leute davon halten. Die Reaktionen der Fans waren nun wirklich…

Dianne: … überwältigend!

Steven: Ja. Wir sind sehr, sehr glücklich damit.

Vielen Dank für das Interview!

 

Interview: Stefan Frühauf, Stefan(at)dark-festivals.de